Psychoanalyse kontroversiell

„Die Psychoanalyse kann keine politischen Alternativen bieten, aber dazu beitragen, private Autonomie und Rationalität wieder herzustellen“, schreibt Herbert Marcuse, deutsch-amerikanischer Philosoph in „Kultur und Gesellschaft“. Der Gehirnforscher Gerhard Roth bemerkt: „Freud hat in dreierlei Hinsicht Recht, nämlich, dass das Unbewusste weitgehend das Bewusstsein beherrscht, dass das Unbewusste sich weit vor dem Bewusstsein entwickelt und dass wir wenig oder keine Kenntnis von dem haben, was uns wirklich bestimmt“. Sein Kollege Mark Solms meint: „Freud hat versucht, eine Sprache und eine Methode für die Wissenschaft vom Innenleben zu finden. Er hat eine Art Basis-Topographie der Seele und ihren grundlegenden Bestandteile geschaffen. Und wir bringen nun diese Arbeit zu Ende.“

Ein drittes noch: „Jeder von uns Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts wäre anders ohne ihn“, sagt Stefan Zweig.

Freud hat stets polarisiert. Zu Widerspruch herausgefordert, zu Bewunderung, Hass und Anteilnahme. Es gibt wenige bedeutende Geistes- und Sozialwissenschaftler, Schriftsteller oder Künstler im 20. und 21. Jahrhundert, die sich nicht zu Freud oder zur Psychoanalyse geäußert hätten.

Die folgenden Zitate versuchen, einen Eindruck zu vermitteln, was Freud ausgelöst hat, wie präsent er heute in unserem Denken und Handeln ist.

„Für mich ist Freud, neben Nietzsche, der größte Stilist deutscher Sprache“, Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin für Natur.

Alfred Adler

Alfred Adler Begründer der Individualpsychologie. Photographie. Um 1920.
Alfred Adler © IMAGNO/Austrian Archives

"Einer der stärksten Antriebsmotoren im Leben der meisten Menschen ist der Wunsch, bedeutend zu sein."

 

"Es ist leichter, für seine Prinzipien zu sterben, als für sie zu leben."

"Frag nicht, was das Leben dir gibt, frag, was du gibst."

Lou Andreas-Salomé

Lou Andreas-Salomé deutsche Schriftstellerin und Psychoanalytikerin. Photographie. 1897
Lou Andreas-Salomé © IMAGNO/Ullstein

„Denn Freud der Denker und Freud der Mensch selber bleiben doch in ihrer personalen Auswirkung eben die Zwei, die nur das Opfer eint.“
(Lou Andreas-Salomé, Lebensrückblick, 1951)

 

„Im Rückerinnern will mir scheinen, als ob mein Leben der Psychoanalyse entgegengewartet hätte, seitdem ich aus den Kinderschuhen heraus war.“
(Lou Andreas-Salomé „Zum 6. Mai 1926“, Almanach der Psychoanalyse 1927)

„Auch der Denktrieb ein Lebenstrieb.“
(Lou Andreas-Salomé „Zum 6. Mai 1926“, Almanach der Psychoanalyse 1927)

„Was er (Freud) schuf, war das voraussetzungslose Ergebnis des Genius äußersten Mutes, letzter Ehrlichkeit; was wir heute feiern, ist diese Großtat. Wir feiern damit diese unbeeinflußbare Nüchternheit der Einstellung, die dafür keinerlei Kampf scheute. Und wünschen ihr und uns jeden Kampf auch in Zukunft: Kampf mit Widersachern und Widerständen, Kampf auch mit jedem Widersacher in uns selbst, daß er nicht irgendeine vorbehaltliche Besonderheit dagegen ausspiele! Aber im Wesen der Psychoanalyse liegt es, daß sie eines Zweierlei bedarf: tiefster, intimster Einfühlung, und kältester Anwendung des Verstandes, – darin gleichsam beiden Geschlechtern im Menschen gerecht werdend.“
(Lou Andreas-Salomé „Zum 6. Mai 1926“, Almanach der Psychoanalyse 1927)

„Denn Männer raufen. Frauen danken.“
(Lou Andreas-Salomé „Zum 6. Mai 1926“, Almanach der Psychoanalyse 1927)

 

Roland Barthes

Roland Barthes
Roland Barthes © stretcher.org

„Im Liebessehnen bricht etwas auf, ohne Ziel; so als ob die Begierde nichts anderes wäre als dieser Blutandrang. Das ist also die Ermattung des Liebenden: ein Hunger ohne Sättigung, das klaffende Gieren nach Liebe. Oder anders: mein ganzes Ich wird zum Liebesobjekt hingezogen, darauf übertragen, das dann seinen Platz einnimmt: das Sehnen wäre mithin dieser ermattende Übergang von der narzißtischen zur Objektlibido. (Verlangen nach dem abwesenden und Verlangen nach dem anwesenden Liebesobjekt: das Sehnen kopiert die beiden übereinander, es bringt Absenz in die Präsenz. Daher rührt ein widersprüchlicher Zustand: das >süße Brennen<.)“
(Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Verlag, 1984)

 

„Das marxistische Über-Ich zensiert sehr leicht die Lust; historisch hatten Marx und Lenin Bedürfnis- und nicht Lustprobleme zu lösen; halten wir indessen fest, daß es im Text von Marx eine extreme Sensibilität für die Lust als Endfrage der Revolution gibt.“
(Roland Barthes, „Le grain de la voix“ Éditions du Seul, Paris 1981; Übersetzung „Die Körnung der Stimme“, Edition Suhrkamp Frankfurt/Main, 2002)

„Die Kultur vereinnahmt. Die Vereinnahmung ist das große Gesetz der Geschichte.“
(Roland Barthes, „Le grain de la voix“ Éditions du Seul, Paris 1981; Übersetzung „Die Körnung der Stimme“, Edition Suhrkamp Frankfurt/Main, 2002)

„Für die Psychoanalyse gehört das Rauschgift nicht im eigentlichen Sinne zu den Perversionen. Die Perversion ist die Suche nach einer Lust, die von keinem gesellschaftlichen oder Gattungszweck rentabilisiert wird. Das ist zum Beispiel die Liebeslust, die nicht auf das Konto der Fortpflanzung verbucht wird. Das sind sämtliche Wollüste, die einfach so stattfinden. Das Thema der Verausgabung.“
(Roland Barthes, „Le grain de la voix“ Éditions du Seul, Paris 1981; Übersetzung „Die Körnung der Stimme“, Edition Suhrkamp Frankfurt/Main, 2002)

Bruno Bettelheim

Bruno Bettelheim
Bruno Bettelheim © Psychosozial-Verlag & Roland Kaufhold

„Was nach Freud das Wesen des Menschen ausmacht oder dazu gehört, die Seele des Menschen, haben die Übersetzer ganz dem Ich, dem denkenden und urteilenden Teil des Menschen, zugewiesen. Sie haben das nicht denkende Es, die irrationale Welt des Unbewußten und der Gefühle, mißachtet. Freud benutzt Seele und seelisch und nicht geistig, weil geistig sich hauptsächlich auf die rationalen Seiten des Geistes bezieht, auf das, dessen wir uns bewußt sind.“
(Bruno Bettelheim, Freud und die Seele des Menschen, Claassen Verlag, 1984)

 

„Freud war eine sehr komplexe Persönlichkeit, ein Mann, den eigene innere Konflikte zu seiner Psychoanalyse drängten – zu dem Prozeß, durch den er die Psychoanalyse entdeckte. Seine Selbstanalyse bewirkte eine große Veränderung. Seine Ideen machten im Verlauf dieses Prozesses weitreichende Entwicklungen durch, und deshalb sagte er auch zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche Dinge über die Psychoanalyse. Aber die verschiedenen Aussagen, die Freud über die Tiefe seiner Bindung an die Naturwissenschaften und ihre Methoden machte – Aussagen, an die er zu der Zeit, zu der er sie machte, sicher glaubte –, werden fragwürdig, zieht man seinen Humanismus in Betracht und die Art, wie er idiographische Grundsätze auf die Phänomene anwandte, die er seinem und unserem Verständnis näherbringen wollte.“
(Bruno Bettelheim, Freud und die Seele des Menschen, Claassen Verlag, 1984)

Elias Canetti

Elias Canetti Schriftsteller und Nobelpreisträger. Photographie. 1979.
Elias Canetti © IMAGNO/Ullstein

„Ob du auf deine >Weigerungen< nicht zu stolz bist?
Erst Gott, dann Freud, dann Marx hast du dich verweigert, und immer schon dem Tod. Wohin rennst du so fleißig davon, Kaninchen?
Dein Todes-Kitsch. Du mußt darüber nachdenken, ob die >Befristeten<, in der Form, die sie jetzt haben, nicht Kitsch sind, dein Todes-Kitsch.“
(Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, Elias Canetti Erben, Carl Hanser Verlag München, 2014)

 

„Das Peinlichste an Freud ist seine Enge; ... Seine Konzilianz ist einen Millimeter tief, seine Härte geht durch die ganze Erde. Er glaubt nur, was er kennt. Er kennt nur, was er sich denkt.“
(Elias Canetti, Nachlass)
(Quelle: Internet, http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=8320&ausgabe=200507)

„Von der Masse bist du nicht mehr besessen. Du bist nicht mehr darauf aus, Rezepte für ihr Wohlverhalten und Wohlbefinden zu erdenken.
Vom Tod bist du mehr als je besessen. Der Massentod hat die Masse für dich aufgesaugt. Dein eigener Tod kann nur noch gleichgültig sein. Es ist unzweifelhaft klar, daß es nur um den Tod überhaupt geht.“
(Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, Elias Canetti Erben, Carl Hanser Verlag München, 2014)

„Wäre es richtiger, wenn nichts von einem Leben bliebe, gar nichts? Wenn der Tod bedeuten würde, daß man in allen, die ein Bild von einem haben, auf der Stelle erlischt? Wäre es vornehmer gegen die Kommenden? Denn vielleicht ist alles, was von uns bleibt, ein Anspruch an sie, der sie belastet. Vielleicht ist der Mensch darum nicht frei, weil zuviel von den Toten in ihm bleibt und dieses viele sich weigert, je zu erlöschen.“
(Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, Elias Canetti Erben, Carl Hanser Verlag München, 2014)

„Es gibt manche Tote, nach denen man sich nie sehnt. Sehr kostbare sind darunter.“
(Elias Canetti, Das Buch gegen den Tod, Elias Canetti Erben, Carl Hanser Verlag München, 2014)

 

Frans de Waal

Frans de Waal
Frans de Waal © Utrecht University

„Sigmund Freud und auch der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss haben uns eingehämmert, wir Menschen seien die einzigen Kulturwesen. Die Vorstellung einer tierischen Kultur war deshalb im Westen undenkbar.“
(Frans de Waal, „Der Spiegel“ 33/2002, Hamburg)

Gilles Deleuze

Gilles Deleuze
Gilles Deleuze © Common

„Die Psychoanalyse erhebt Ödipus lediglich ins Quadrat, Ödipus der Übertragung, Ödipus von Ödipus auf der Couch als kleine schmutzige Welt. Aber ob familial oder analytisch, Ödipus ist grundsätzlich ein Unterdrückungsapparat auf den Wunschmaschinen und keineswegs eine Formation des Unbewußten selbst. Wir wollen nicht sagen, daß Ödipus oder sein Äquivalent mit den betrachteten gesellschaftlichen Formen variiert. Wir würden vielmehr mit den Strukturalisten glauben, daß er eine Invariante ist. Aber es ist die Invariante einer Drehung der Kräfte des Unbewußten. Deswegen greifen wir Ödipus an, nicht im Namen von Gesellschaften, die ihn nicht mit sich bringen, sondern in jener, die ihn im höchsten Grade mit sich bringt, in unserer, der kapitalistischen.“
(Gilles Deleuze, Félix Guattari, Rhizom, Merve Verlag, 1977)

 

„Was die Psychoanalyse Auflösung oder Untergang des Ödipuskomplexes nennt, ist ganz und gar komisch, es ist genau die Operation der endlosen Schuld, die unendliche Analyse, die Ödipusseuche, ihre Übertragung vom Vater auf die Kinder. Es ist verrückt, daß man Dummheiten hat sagen können im Namen von Ödipus und vor allem über das Kind.“
(Gilles Deleuze, Félix Guattari, Rhizom, Merve Verlag, 1977)

Alfred Döblin

Alfred Döblin
Alfred Döblin © S. FISCHER Verlag GmbH

„Freud, in das Seelengebiet einrückend, stellte zunächst das Allergröbste fest, und das war, daß es etwas Unbewußtes gibt. Es ist ihm eigentümlich gegangen: links hat er an die Dichter gestoßen, rechts die Philosophen verärgert, vorne den Ärzten auf die Hacken getreten. Es waren gar keine Worte da für das, was Freud meinte und was er auch sah im Seelischen. Sagen mußte er es. Woher nehmen und nicht stehlen? Da stahl er. Von den Philosophen das Unbewußte. Die meinten damit mancherlei, Unsicheres, worüber sie disputierten. Freud meinte nur einen ganz gewöhnlichen seelischen Tatbestand, der täglich vor seine Augen trat. Die nähere Bestimmung und Aufklärung des beobachteten Tatbestandes, sagte er, wird sich schon beim Arbeiten mit dem Begriff ergeben. Das ist so: erst nimmt man einem das Geld und gebraucht es; nachher wird sich schon herausstellen, wem es gehört. Aber die Methode hat sich bewährt, ich meine in der Wissenschaft.“
(Alfred Döblin „Zum siebzigsten Geburtstag Sigmund Freuds“, Almanach der Psychoanalyse 1927, Wien)

 

„»Verlangte jemand, die Seele zu sehen? / So sieh deine eigene Gestalt und dein Antlitz, Menschen, Stoffe, Tiere, die Bäume, die fließenden Ströme, die Felsen, den Sand am Meer / Sie alle enthalten geistige Freuden und geben sie hernach wieder frei / Dein wahrer Leib und jeglichen Mannes und Weibes wahrer Leib. / So treu, wie die Typen, die der Setzer setzt, ihren Abdruck prägen, die Bedeutung, der wesentliche Sinn / Genau so treu prägt eines Mannes Wesen und Leben oder eines Weibes Wesen und Leben sich in Leib und Seele aus / Einerlei, ob vor oder nach dem. Tode / Siehe, der Leib enthält und ist die Bedeutung, der wesentliche Sinn, und enthält und ist die Seele.«
Das greift über die Wissenschaft hinaus und ist noch lange nicht für eine heutige Wissenschaft erfaßbar. Die Dichtung ist aber allgemein und überhaupt ein sehr mißachtetes, großartiges Wissensreservoir der Menschen. Eine Quelle, kein Nebenfluß.“
(Alfred Döblin „Zum siebzigsten Geburtstag Sigmund Freuds“, Almanach der Psychoanalyse 1927, Wien)

„...Immer erkennt man den Beobachter, einen deutlich mißtrauischen und skeptischen Menschen, einen Pessimisten. Er teilt nicht den Aberglauben an den großen Wert menschlicher Einrichtungen, an den Wert für die wirkliche Veränderung der Seele. Er wäre kein Kenner der menschlichen Seele, wenn er glaubte, mit irgendwelchen raschen Änderungen im Sozialen ließe sich Entscheidendes an der menschlichen Seele ändern. Er ist in dieser Skepsis und Zurückhaltung völlig identisch etwa mit Tolstoi.“
(Alfred Döblin „Zum siebzigsten Geburtstag Sigmund Freuds“, Almanach der Psychoanalyse 1927, Wien)

„In zwiefacher Hinsicht lobe ich Freud – und ein Stück ist da so gut wie das andere. Als einen Wohltäter der Menschheit, der breit die Türe zu dem Krankheitsherd vieler Leiden geöffnet hat. Und dann als Geistesführer, als einen, der in Europa am frühesten wieder in der Wissenschaft das Königsgebiet der Seele betrat.“
(Alfred Döblin „Zum siebzigsten Geburtstag Sigmund Freuds“, Almanach der Psychoanalyse 1927, Wien)

Theodore Dreiser

Theodore Dreiser
Theodore Dreiser © Public Domain

„Das Licht, das er dem Menschengeist gebracht hat! Die mächtige Hilfe gegen Trug und verblendetes Vorurteil! Ein ungeheures, ein herrliches Ereignis!“
(Theodore Dreiser „Bemerkungen am 6. Mai“, Almanach der Psychoanalyse 1931, Wien)

Albert Einstein

Portrait von Albert Einstein (14.03.1879 - 18.04.1955). Deutscher/Amerikanischer Physiker. Photographie von Eric Schaal. Princeton USA 1939.
Albert Einstein © IMAGNO/Ullstein

„Gibt es eine Möglichkeit, die psychische Entwicklung der Menschen so zu leiten, daß sie den Psychosen des Hasses und des Vernichtens gegenüber widerstandsfähiger werden?“
(Albert Einstein, Warum Krieg?, 1933)

 

„Abgesehen von Schopenhauer gibt es für mich niemanden, der so schreiben kann oder könnte.“
(Albert Einstein, Briefwechsel)
(Quelle: Internet, http://oe1.orf.at/highlights/50263.html)

Sándor Ferenczi

Sándor Ferenczi mit Zwicker. Portrait. 1913.
Sándor Ferenczi © IMAGNO/Sigm.Freud Priv.Stiftung

„Die Psychoanalyse wirkt letzten Endes durch Vertiefung und Erweiterung der Erkenntnis; die Erkenntnis aber läßt sich nur durch Liebe erweitern und vertiefen. Und wäre es nur, weil es Freud gelungen ist, uns zum Ertragen von mehr Wahrheit zu erziehen, kann er versichert sein, daß seiner am heutigen Tage ein großer und nicht wertloser Teil der Menschheit in Liebe gedenkt.“
(Sándor Ferenczi „Zum 70. Geburtstage Sigm. Freuds. Eine Begrüßung“, Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse 12(1926))

 

"Die gewöhnlichste und verwerflichste Art der Akzeptierung von Freuds Theorien ist wohl die, daß man sie neu entdeckt unt unter neuem Namen in Verkehr bringt. Denn was ist die >Erwartungsneurose< anderes, als die unter falscher Flagge segelnde >Angstneurose< von Freud? Wer von uns weiß es nicht, daß ein geschickter Kollege unter dem Namen >Phrenokardie< nur einige Symptome der Freudschen Angsthysterie als eigene Entdeckung auf den wissenschaftlichen Markt gebracht hat? Und war es nicht selbstverständlich, daß, so wie das Wort >Analyse< auftauchte, jemand einfach contrario den Begriff der >Psychosynthese< prägen mußte. Daß eine Synthese ohne vorhergehende Analyse unmöglich ist, das vergaß natürlich der Betreffende gebührend hervorzuheben. So droht denn der Psychoanalyse von solchen Freunden noch mehr Gefahr, als von feindlicher Seite. Uns droht sozusagen die Gefahr, in Mode zu kommen, womit die Zahl derjenigen, die sich Analytiker nennen, ohne es zu sein, gar bald ansehnlich wachsen dürfte."
(Sándor Ferenczi, Schriften zur Psychoanalyse I, S. Fischer Verlag GmbH, 1970)

Michel Foucault

Michel Foucault
Michel Foucault © Bruce Jackson

„Man darf nicht vergessen, dass die Analyse der Träume zu den Existenztechniken gehörte. Da die Bilder des Schlafes, zumindest galt das für einige unter ihnen, als Zeichen für die Wirklichkeit oder als Botschaften für die Zukunft betrachtet wurden, wr ihre Entschlüsselung von großem Wert: Ein vernünftig geführtes Leben konnte sich kaum dieser Aufgabe entziehen.“
(Michel Foucault, Von seinen Lüsten träumen, Suhrkamp Verlag, 2006)

 

„Der Hysteriker benutzt vor allem die Verdrängung; er entzieht dem Bewußtsein alle sexuellen Vorstellungen; als Schutzmaßnahme unterbricht er die psychologische Kontinuität, und in den ‚psychischen Synkopen‘ treten das Unbewußte, das Vergessen, die Indifferenz zutage, die die scheinbare ‚gute Laune‘ des Hysterikers ausmachen; er zerbricht auch die Einheit des Körpers, um alle Symbole und alle Substitute der Sexualität in ihm auszulöschen: so entstehen die Anästhesien und die pithiatischen Paralysen.“
(Michel Foucault, „Maladie mentale et Psychologie“ Presses Univesitaires de France, Paris 1954)

„Das Bewußtsein, das der Kranke von seiner Krankheit hat, ist absolut original. Sicher ist nichts so falsch wie der Mythos von der Krankheit, die nichts von sich selbst weiß; der Abstand zwischen dem Bewußtsein des Arztes und dem des Kranken ermißt sich nicht am Abstand zwischen Kenntnis und Unkenntnis der Krankheit. Es ist nicht so, als stünde der Arzt auf der Seite der Gesundheit, die alles Wissen über die Krankheit besitzt, und der Kranke auf der Seite der Krankheit, die nichts von sich selbst weiß, nicht einmal ihre Existenz. Der Kranke erkennt seine Anomalie und gibt ihr zumindest diese Bedeutung, daß er durch einen unaufhebbaren Unterschied vom Bewußtsein und von der Welt der anderen getrennt ist.“
(Michel Foucault, „Maladie mentale et Psychologie“ Presses Univesitaires de France, Paris 1954)

„Daß die Psychologie niemals den Wahnsinn meistern kann, hat seinen guten Grund: die Psychologie ist in unserer Welt erst möglich geworden, als der Wahnsinn bereits gemeistert, als er vom Drama schon ausgeschlossen war. Und wenn er, ein Blitz, ein Schrei, bei Nerval oder bei Artaud, bei Nietzsche oder Roussel wieder auftaucht, so verstummt die Psychologie ihrerseits und steht wortlos vor dieser Sprache, die den Sinn ihrer Worte jenem tragischen Aufriß und jeder Freiheit entlehnt, denen gegenüber die bloße Existenz von ‚Psychologen‘ dem heutigen Menschen ein bedrückendes Vergessen gewährleistet.“
(Michel Foucault, „Maladie mentale et Psychologie“ Presses Univesitaires de France, Paris 1954)

Anna Freud

Anna Freud. Photographie. Berlin 1928
Anna Freud © IMAGNO/Sigm.Freud Priv.Stiftung

„Wenn wir erkannt haben, dass die Mächte, mit denen wir bei der Heilung der kindlichen Neurose zu kämpfen haben, nicht nur innere sind, sondern zum Teil auch äußere, dann haben wir auch ein Recht zu fordern, dass der Kinderanalytiker die äußere Situation, in der das Kind steht, richtig einzuschätzen versteht.“
(Anna Freud, Einführung in die Technik der Kinderanalyse, 1927)

Erich Fromm

Erich Fromm
Erich Fromm © Erich Fromm Estate

„Eines der wichtigsten Merkmale in Freuds wissenschaftlichem Vorgehen ist nun aber, daß er sich völlig über die Subjektivität menschlicher Äußerungen im klaren war, weshalb er versuchte, niemals eine Äußerung als gegeben hinzunehmen, sondern sich stets zu fragen, was dieses besondere Wort in diesem besonderen Augenblick und in diesem besonderen Zusammenhang für diesen besonderen Menschen bedeutete. Diese Subjektivität erhöht tatsächlich die Objektivität von Freuds Methode beträchtlich. Jeder Psychologe, der so naiv ist anzunehmen, ein Wort sei schlechthin ein Wort, wird mit einem anderen Menschen immer nur auf einer sehr abstrakten und unwirklichen Ebene verkehren. Ein Wort ist ein Zeichen für eine einzigartige und in gewissem Sine nicht einmal wiederholbare Erfahrung.“
(Erich Fromm, Sigmund Freuds Psychoanalyse – Größe und Grenzen, Deutsche Verlags-Anstalt, 1979)

 

"Der sehr narzißtische Mensch hat eine unsichtbare Mauer um sich erstellt; er ist alles, die Welt ist nichts - oder vielmehr: Er ist die Welt."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Die Trauer ist - klinisch gesprochen - das genaue Gegenteil von Depression. Depression ist die Unfähigkeit zu fühlen. Depression ist das Empfinden, tot zu sein, während der Körper am Leben ist."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Die Wahrheit hat eine besondere Eigenschaft. Da sie die Wirklichkeit ausdrückt, erreicht sie den Menschen, was die Halbwahrheiten nicht tun."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Die Wahrheit muß nicht nur bedeutsam und ganz sein, sie muß auch radikal sein, nicht geschönt, gesüßt, mit Zuckerguß überzogen. Die Erfahrung zeigt, daß die Wahrheit, das heißt die Konfrontation mit der Wirklichkeit, dort eine besondere Wirkung hat, wo man sie vollständig, klar und ohne Kompromisse sieht."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

Die zerstörerischen Tendenzen nehmen meines Erachtens heute deshalb so zu, weil die Langeweile wächst, weil die Sinnlosigkeit des Lebens wächst, weil die Menschen ängstlicher werden, weil sie keinen Glauben an die Zukunft und keine Hoffnung haben.
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Liebe ist die Erfahrung des Teilens, der Gemeinschaft, die die volle Entfaltung des eigenen inneren Tätigseins erlaubt."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Liebe ist die Vereinigung mit einem anderen Menschen oder Ding außerhalb seiner selbst unter der Bedingung, daß die Gesondertheit und Integrität des eigenen Selbst dabei bewahrt bleibt."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Liebe ist eine Aktivität und kein passiver Affekt. Sie ist etwas, das man in sich selbst entwickelt, nicht etwas, dem man verfällt. Sie ist in erster Linie ein Geben und nicht ein Empfangen."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

"Macht hat zwei Bedeutungen. Es gibt die Macht über etwas: die Macht über die Natur und über andere Menschen. Es gibt aber auch die Macht zu etwas: die Macht, oder die Kraft zu denken, zu lieben, tief zu fühlen, zu erschaffen."
(Erich Fromm, Erich-Fromm-Gesamtausgabe, Deutsche Verlags-Anstalt, 1999)

Georg Groddeck

Georg Groddeck
Georg Groddeck © Sigmund Freud Privatstiftung

„Ich habe schon mehrfach auf die enge Verwandtschaft von Empfängnis und Tod aufmerksam gemacht. Der Tod des Männlichen (Samenerguß mit folgender Erschlaffung) ist die Bedingung des Werdens. Großartig hat sich diese Wahrheit in der Sage vom Sündenfall durchgesetzt, die den Baum des Lebens neben den der Erkenntnis (erkennen = begatten), das Sterben neben das Werden setzt.“
(Georg Groddeck, Der Mensch als Symbol, Limes Verlag, 1973)

 

„Eine andere Form des Es, die mir zugänglicher ist, möchte ich als das Zwiefache Es bezeichnen: Alles Menschliche läßt sich als zugleich männlich-weiblich und kindlich-mannbar betrachten.
Etwas Weiteres ist die Erfahrung, daß das Es sich ebenso selbständig und ebenso gegenseitig abhängig in dem Leben des Gesamtmenschen wie in den Teilen dieses lebenden Menschen offenbart, oder um es anders auszudrücken: Es hat den Anschein, als ob zwischen dem Ganzen des Menschen und der Zelle oder noch kleineren Wesen, dem Gewebe, dem einzelnen Organ oder Körperteil ein ähnliches Verhältnis bestände, wie es in den Begriffen Makrokosmos und Mikrokosmos in früheren Zeiten für das All und den Teil angenommen wurde.“
(Georg Groddeck, Der Mensch als Symbol, Limes Verlag, 1973)

E.T.A. Hoffmann

E.T.A. Hoffmann
E.T.A. Hoffmann © Public Domain

„Gerade heraus will ich es Dir nun gestehen, daß, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem Inneren vorging, die wahre wirkliche Außenwelt aber daran wohl wenig teil hatte.“
(Wulf Segebrecht/Harmut Steinecke (HG.): E.T.A. Hoffmann: Sämtliche Werke, Suhrkamp 1985.)

Elfriede Jelinek

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek. 23. Oktober 1997. Photographie
Elfriede Jelinek © IMAGNO/Votava

„Für mich ist Freud, neben Nietzsche, der größte Stilist deutscher Sprache.“
(Elfriede Jelinek, FAZ Interview, 8.11.2004)

Carl Gustav Jung

Carl Gustav Jung. Portrait. Photographie 1904
Carl Gustav Jung © IMAGNO/Sigm.Freud Priv.Stiftung

"Freud hat sich nie gefragt, warum er ständig über den Sexus reden mußte, warum ihn dieser Gedanke so ergriffen hat. Es wurde ihm nie bewußt, daß sich in der Monotonie der Deutung eine Flucht vor sich selber ausdrückte oder vor jener anderen, vielleicht als mystisch zu bezeichnenden Seite an ihm."
(A. Jaffé (Hrsg.), Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung, Zürich 1962)

 

"Das Dogma drückt die Seele vollständiger aus als eine wissenschaftliche Theorie, denn die letztere formuliert lediglich das Bewußtsein."

"Das einzige, was wirklich hilft, ist die Selbsterkenntnis und die dadurch bewirkte Änderung der geistigen und moralischen Einstellung."

"Das Gewissen ist so etwas wie eine Autorität in uns."

Franz Kafka

Franz Kafka. Photographie um 1905
Franz Kafka © IMAGNO/ÖNB

„Es ist keine Freude sich mit der Psychoanalyse abzugeben und ich halte mich von ihr möglichst fern, aber sie ist zumindest so existent wie diese Generation.“
(Franz Kafka, Traurig lief des Alten Magd, Nachlass 1922)

Eric Kandel

Eric Kandel
Eric Kandel © Nobelprize.org. Nobel Media

„Freuds Entwurf ist das immer noch schlüssigste und intellektuell befriedigendste Bild des Geistes. Ein Ansatz, um zu verstehen, warum der menschliche Geist gleichzeitig Goethe aufnehmen und Konzentrationslager erschaffen kann.“
(Eric Kandel, zitiert nach Georg Markus, Sigmund Freud Die Biographie, LangenMüller, 2006)

 

Verena Kast

Verena Kast
Verena Kast © Lindauer Psychotherapiewochen

„Die vielleicht berühmteste Übersetzung eines Mythos in die Sprache der Gegenwart ist die Bearbeitung – oder die Neufassung – des Ödipus Mythos durch Freud. Ödipus – als archetypische Gestalt – muß Freud sehr fasziniert haben!“
(Verena Kast, Mythos, Traum, Realität, Wiener Vorlesungen, Picus Verlag, 2000)

 

„Wie der Mythos hat auch der Traum eine ihm eigene Wirklichkeit, die sich mit unserer Alltagswirklichkeit verbindet und in Interaktion damit steht. Vielleicht machen wir einen zu schlechten Gebrauch von unseren Träumen, besonders von den Träumen, die einen archetypischen Inhalt haben und die früher als >große Träume< bezeichnet wurden und von denen man annahm, daß sie für die Gemeinschaft geträumt wurden.“
(Verena Kast, Mythos, Traum, Realität, Wiener Vorlesungen, Picus Verlag, 2000)

Heinz Kohut

Heinz Kohut
Heinz Kohut © Kohut

„Wenn wir uns zuerst Freuds ethischer Einstellung zuwenden, können wir sagen, daß seine Ethik vor allem eine Ethik der Wahrheit war. Und wir können in diesem Zusammenhang hinzufügen, daß sein Selbstwertgefühl stark von dem Gefühl beeinflußt war, etwas zu wissen oder nicht zu wissen. Wenn ihm Wissen vorenthalten wurde, empfand er das als unerträgliche narzißtische Kränkung, auf die er mit Wut reagierte. (Siehe die Dikussion dieses Aspekts seiner Persönlichkeit in Kohut 1977, S. 65f.; deutsch: 1979, S. 68f.) Er meinte daher – zweifellos weil er aufgrund seiner eigenen Verletzlichkeit auf diesem Gebiet sensibel war für diese Neigung bei anderen –, die schwerste Kränkung, die die Psychoanalyse den Menschen zumute, bestehe darin, sie mit der Tatsache zu konfrontieren, daß sie etwas nicht kennen, von dem sie meinten, sie kennten es – nämlich den vollständigen Inhalt der eigenen Psyche.“
(Heinz Kohut, Wie heilt die Psychoanalyse?, Suhrkamp Verlag, 1987)

 

„Ist Freuds Genie teilweise durch die Tatsache erklärbar, daß aufgrund der spezifischen Ausstattung seiner Persönlichkeit jenes Zusammenfließen von persönlichen Empfindlichkeiten und zeitgebundenen Tendenzen bestand, das ich oben als Erleichterung bedeutsamer psychologischer Entdeckungen charakterisiert habe? Ich glaube, man kann diese Frage bejahen. Genauer gesagt, ich denke, daß Freuds Persönlichkeit sich in einer Übergangsperiode der Geschichte entfaltete – einer Ära von Wandel, Fortschritt, zunehmender politischer Freiheit und zunehmender Freiheit des Denkens –, und zwar, wie ich hinzufügen möchte, einer der Perioden, die oft für große Leistungen am günstigsten sind. Es war fraglos eine Zeit, in der der Obskurantismus im allgemeinen im Schwinden war.“
(Heinz Kohut, Wie heilt die Psychoanalyse?, Suhrkamp Verlag, 1987)

„Freuds höchster Wert war der mutige Realismus, sich tapfer der Wahrheit zu stellen.“
(Heinz Kohut, Die Heilung des Selbst, 1977)

Jacques Lacan

Jacques Lacan
Jacques Lacan © The Australian National University

„...die Psychoanalyse hat nur ein Medium: das Sprechen des Patienten.“
(Jacques Lacan, Schriften 1, 1966)

 

„Freud hat die ursprüngliche Sprache der Symbole wiederentdeckt, die noch lebendig ist in den Leiden der Zivilisierten.“
(Jacques Lacan, Schriften 1, 1966)

Ronald D. Laing

Ronald D. Laing
Ronald D. Laing © Fay Godwin

„Nur wenige halten heute wie die frühen Psychoanalytiker das Bewußte und das Unbewußte für zentral – für zwei konkrete Systeme, isoliert von der Totalität der Person, zusammengesetzt aus psychischer Materie und ausschließlich intrapersonal.
Zentral ist die Beziehung zwischen Personen in Theorie und in Praxis. Personen sind aufeinander bezogen durch ihre Erfahrung und durch ihr Verhalten. Theorien kann man danach beurteilen, wieviel Wert sie auf Erfahrung und auf Verhalten legen und inwieweit sie die Beziehung zwischen Erfahrung und Verhalten artikulieren können.“
(Ronald D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung, Suhrkamp Verlag, 1969)

 

„Jede Theorie, die nicht vom Menschen ausgeht, ist Lüge und Betrug an ihm. Eine inhumane Theorie wird unvermeidlich zu inhumanen Konsequenzen führen, wenn der Therapeut konsequent ist. Glücklicherweise haben viele Therapeuten die Gabe der Inkonsequenz. Mag uns das auch teuer sein, ist es doch nicht als ideal anzusehen.“
(Ronald D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung, Suhrkamp Verlag, 1969)

Udo Lindenberg

Udo Lindenberg
Udo Lindenberg © Polydor Island Group 2003

„Natürlich können Drogen die künstlerische Arbeit befeuern, das weiß man von Goethe, Freud, Bukowski und vielen anderen. Aber die haben eben auch die Regel befolgt: Im Rausch schreiben, nüchtern gegenlesen.“
(Udo Lindenberg, über Johann Wolfgang von Goethe, Freud und Charles Bukowski, Stern Nr. 13/2008)

 

Thomas Mann

Schriftsteller Thomas Mann. Photographie. 1965.
Thomas Mann © IMAGNO/Votava

„Er hat Illusionen zerstört, die Menschheit mit Erkenntnissen skandalisiert, deren radikaler Naturalismus ihre »Würde« zu bedrohen schien, und Widerstände hervorgerufen, deren Gründe ihm offen lagen. Aber alle Kritik an seinem Werk – ich meine natürlich jene Kritik, die nicht über die Analyse hinaus, sondern hinter sie zurückwill – hat etwas unendlich Müßiges und Steriles, auch da noch, wo sie recht hat, und es ist schwer zu verstehen, daß diejenigen, die sich spottend und scheltend damit abmühen, der Nutzlosigkeit ihres Tuns nicht inne werden.“
(Thomas Mann „Ritter zwischen Tod und Teufel“, Almanach der Psychoanalyse 1932)

 

„Freud hat seine Traumlehre einmal ein Stück »wissenschaftlichen Neulandes« genannt, dem Volksglauben und der Mystik »abgewonnen«. In diesem »abgewonnen« liegt der kolonisatorische Geist und Sinn seines Forschertums. »Wo Es war, soll Ich werden«, sagt er epigrammatisch. Und selber nennt er die psychoanalytische Arbeit ein Kulturwerk, vergleichbar der Trockenlegung der Zuidersee. So fließen uns zum Schluß die Züge des ehrwürdigen Mannes, den wir feiern, hinüber in die des greisen Faust, den es drängt, »das herrische Meer vom Ufer auszuschließen, der feuchten Breite Grenze zu verengen«.“
(Thomas Mann „Freud und die Zukunft“, Amanach der Psychoanalyse 1937)

 

Herbert Marcuse

Herbert Marcuse
Herbert Marcuse © Universität Frankfurt Archiv

„Die Psychoanalyse kann keine politischen Alternativen bieten, aber dazu beitragen, private Autonomie und Rationalität wiederherzustellen.“
(Herbert Marcuse, Kultur und Gesellschaft 2, 1965)

 

„Die Wahrheit der Psychoanalyse liegt darin, daß sie ihren herausforderndsten Hypothesen die Treue hält.“
(Herbert Marcuse, Kultur und Gesellschaft 2, 1965)

Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich
Margarete Mitscherlich © Fischer Verlag

„Letztlich waren es Freud und seine Psychoanalyse, die mir den Weg der Selbst- wie Fremderkenntnis möglich machten und mich vor der Entwicklung eines falschen Bewusstseins bewahrten.

Mit der >Erinnerungsarbeit< habe ich mein Bemühen bis heute weitergeführt, die deutsche Nachkriegszeit, was aus der >Unfähigkeit zu trauern< wurde, zu verstehen. Ähnlich versuche und versuchte ich mir Gedanken darüber zu machen, warum den Frauen ihre Emanzipation so schwer fällt, ob es nur an der männlichen Gesellschaft liegt, die ihr eigenes Prinzip so ausgedehnt hat, dass die Opfer die Frauenfrage gar nicht mehr zu stellen vermögen, oder ob und warum wir als Frauen und selbst daran hindern, unsere Rechte zu erkennen und sie durchzusetzen.“
(Margarete Mitscherlich, Autobiografie und Lebenswerk einer Psychoanalytikerin, Wiener Vorlesungen, Picus Verlag, 2006)

 

„Er hat uns schon das Gefühl vermittelt, der Wahrheit wirklich ein Stück näher zu kommen.“
(Margarete Mitscherlich, Die Zeit Nr. 1/2006)

„Denkt man an Moral, so kann einem auch etwas anderes vorschweben als ein Katalog von Verboten: etwa die Aufforderung, wechselseitig zur Befriedigung des Daseins beizutragen. Dies aber setzt voraus, daß die gesellschaftlichen Verhältnisse es den Individuen erlauben, sich füreinander zu interessieren, mit ihren Gefühlen aneinanderzugeraten. Dazu benötigt der einzelne aber Handlungsanweisungen, muß er Wege des Kontaktes vorfinden, soll er nicht in Gefühlseinsamkeit, in Gefühlsautismus verkommen, was sich sehr gut mit gesteuertem Konformismus verträgt. Diese Wegleitungen sind Funktionen der Moral, wie sie zu ihr erziehen. Fehlen sie, so gilt das Umgekehrte.“
(Alexander und Margarete Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Piper Verlag, 1967)

Robert Musil

Robert Musil. Portrait. Photographie um 1930
Robert Musil © IMAGNO/Austrian Archives

„Ideale und Moral sind das beste Mittel, um das große Loch zu füllen, das man Seele nennt.“
(Robert Musil: Gesammelte Werke I, Der Mann ohne Eigenschaften, Rowohlt 1978)

Friedrich Nietzsche

Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsche © F. Hartmann in Basel

„Ihr sagt mir: >das Leben ist schwer zu tragen.< Aber wozu hättet ihr Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?
Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so zärtlich! Wir sind allesamt hübsche lastbare Esel und Eselinnen.
Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein Tropfen Thau auf dem Leibe liegt?
Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an’s Leben, sondern weil wir an’s Lieben gewöhnt sind.
Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft im Wahnsinn.
Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Glücke zu wissen.
Diese leichten thörichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu sehen – das verführt Zarathustra und Thränen und Liedern.
Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.“
(Rüdiger Schmidt-Grépály (Hsg), Friedrich Nietzsche, Lernt mich gut lesen!, L.S.D. Verlag, 2013)

 

"Das Rezept zu dem, was die Masse einen großen Mann nennt, ist leicht gegeben. Unter allen Umständen verschaffe man ihr etwas, das ihr sehr angenehm ist, oder setze ihr erst in den Kopf, daß dies angenehm wäre, und gebe es ihr dann. Doch um keinen Preis sofort, sondern man erkämpfe es mit größter Anstrengung oder scheine es zu erkämpfen. Die Masse muß den Eindruck haben, daß eine mächtige, ja unbezwingliche Willenskraft da sei; mindestens muß sie da zu sein scheinen. Den starken Willen bewundert jedermann, weil niemand ihn hat und jedermann sich sagt, daß wenn er ihn hätte, es für ihn und seinen Egoismus keine Grenze mehr gäbe. (...) Im übrigen habe er alle Eigenschaften der Masse: Um so weniger schämt sie sich vor ihm, um so mehr ist er populär. Also: Er sei gewalttätig, neidisch, ausbeuterisch, intrigant, schmeichlerisch, kriechend, aufgeblasen, je nach Umständen alles."
(Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954)

"Es genügt zu lieben, zu hassen, zu begehren, überhaupt zu empfinden - sofort kommt der Geist und die Kraft des Traumes über uns, und wir steigen offnen Auges und kalt gegen alle Gefahr auf den gefährlichsten Wegen empor, hinauf auf die Dächer und Türme der Phantasterei, und ohne allen Schwindel, wie geboren zum Klettern - wir Nachtwandler des Tages! Wir Künstler! Wir Verhehler der Natürlichkeit! Wir Mond- und Gottsüchtigen! Wir totenstillen, unermüdlichen Wanderer, auf Höhen, die wir nicht als Höhen sehen, sondern als unsere Ebenen, als unsere Sicherheiten!"
(Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. München 1954)

"Es gibt auf der Welt einen einzigen Weg, auf welchem niemand gehen kann außer dir: wohin er führt? Frage nicht, gehe ihn."
(Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen, Insel Verlag, 1981)

 

Georges Perec

Georges Perec
Georges Perec © Pam Brown

„Verwunderung und Enttäuschungen auf Reisen. Illusion, die Entfernung besiegt, die Zeit ausgelöscht zu haben. Weit fort sein.“
(Georges Perec: Träume von Räumen, Aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Diaphanes 2012)

 

„Ich schreibe, um durch mich hindurchzustreifen.“
(Henri Michaux in „Träume von Räumen“ von Georges Perec, Manholt Verlag, Bremen 1990, Originalausgabe „Espèces d’Espaces“, Éditions Galilée, Paris 1974)

„Meine Räume sind vergänglich: die Zeit wird sie abnutzen, wird sie zerstören: nichts wird mehr dem gleichen, was einmal war, meine Erinnerungen werden mich im Stich lassen, das Vergessen wird in mein Gedächtnis einsickern, ich werde einige vergilbte Fotos mit geknickten Rändern betrachten, ohne sie wiederzuerkennen.“
(„Träume von Räumen“ von Georges Perec, Manholt Verlag, Bremen 1990, Originalausgabe „Espèces d’Espaces“, Éditions Galilée, Paris 1974)

„Der Raum schmilzt dahin, wie der Sand zwischen den Fingern zerrinnt. Die Zeit schwemmt ihn fort und läßt mir nur gestaltlose Fetzen zurück.“
(„Träume von Räumen“ von Georges Perec, Manholt Verlag, Bremen 1990, Originalausgabe „Espèces d’Espaces“, Éditions Galilée, Paris 1974)

Steven Pinker

Steven Pinker
Steven Pinker © Henry Leutwyler

„Eine unangenehme Selbsterkenntnis einzugestehen, gehört zu den schmerzlichen Erlebnissen überhaupt – Freud postulierte ein ganzes Arsenal von Verteidigungsmechanismen, mit denen dieser schreckliche Tag hinausgeschoben werden kann, wie Leugnen, Unterdrückung, Projektion und Reaktionsbildung. Es ist aber prinzipiell möglich. Dazu mag Spott notwendig sein, dazu mögen Argumente notwendig sein, dazu mag Zeit notwendig sein oder dazu mag Ablenkung notwendig sein – aber die Menschen verfügen über die Mittel, um zu erkennen, dass sie nicht immer im Recht sind. Dennoch sollten wir uns, was die Selbsttäuschung angeht, nicht täuschen.“
(Steven Pinker, Gewalt Eine neue Geschichte der Menschheit, S. Fischer Verlag GmbH, 2011)

Jean-Bertrand Pontalis

Jean-Bertrand Pontalis
Jean-Bertrand Pontalis © babelio.com

„Die psychoanalytische Sprache ist bis auf wenige Ausnahmen das Werk eines einzigen Denkers: Freud.“
(J.-B. Pontalis, Nach Freud, 1965, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 108, Erste Auflage 1974)

Gerhard Roth

Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth in seinem Haus in der Südsteiermark. Photographie. 2011
Gerhard Roth © IMAGNO/Didi Sattmann

„Freud hat in dreierlei Hinsicht Recht, nämlich dass das Unbewusste weitgehend das Bewusstsein beherrscht, dass das Unbewusste sich weit vor dem Bewusstsein entwickelt und dass wir wenig oder keine Kenntnis von dem haben, was uns wirklich bestimmt.“
(Gerhard Roth, Eigenzitat, 2006)

 

„Ihm verdanken wir die umfassendste Theorie der Seele. Und in drei Hinsichten zumindest bestätigt die Neurowissenschaft heute seine Annahmen: Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt; das Unbewusste entsteht zeitlich weit vor Bewusstseinszuständen; und das bewusste Ich hat wenig Einsicht in die Grundlagen seiner Wünsche und Handlungen.“
(Gerhard Roth, „Die Zeit“, Hamburg, 16. März 2007)

„Erst Freuds Perspektive macht verständlich, wofür das Gehirn da ist. Doch nicht dafür, Neuronen feuern zu lassen, sondern Bedeutungen im individuellen und insbesondere sozialen Handeln zu erzeugen und zu verarbeiten.“
(Gerhard Roth, „Die Zeit“, Hamburg, 16. März 2007)

„Auf dem unbefriedigenden Stand seiner Wissenschaft hat Freud 1895 im Entwurf einer Psychologie versucht, die ersten Netzwerke zu skizzieren. Für ihn war das Psychische ein Teil der Gehirnaktivität, der eine Eigenwelt entwickelt. Die ersten Versuche einer neurologischen Begründung hat er abgebrochen, aber bis zu seinem Tod hielt er daran fest, dass das Seelische neurobiologisch fundiert werden kann und sogar muss.“
(Gerhard Roth, „Die Zeit“, 16. März 2007)

„Niemand kann genau erklären, was das Psychische ist. Dass etwas Psychisches sich im Traum vom Körper ablöst, auf Wanderschaft geht und dann im Erwachen zum Körper zurückkehrt, gehört zur uralten schamanistischen Vorstellung. Was aus der Seele nach dem Tod wird, ist nicht umsonst eine Kernfrage der Religionen.“
(Gerhard Roth, „Die Zeit“, Hamburg, 16. März 2007)

 

Jean-Paul Sartre

Der Philosoph und Nobelpreisträger Jean-Paul Sartre. Frankreich. Um 1964. Photographie.
Jean-Paul Sartre © IMAGNO/Votava

„Das beste bei Freud finden Sie schon bei Plato. [...] Sie täten besser daran, Spinoza zu lesen.“
(Jean-Paul Sartre, Die Kindheit eines Chefs. Deutsch von Heinrich Wallfisch. In: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt 1970)

Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer
Wolfgang Schmidbauer © Wolfgang Schmidbauer

„Freud selbst hat Triebimpulse in geistige Eroberung umgesetzt und war hier so unersättlich wie Don Juan. Was ich nun besonders spannend finde, ist, dass es in der psychoanalytischen Praxis heute ja sehr oft darum geht, den narzisstischen Umgang der Menschen mit Sexualität und Erotik wieder in einen triebhaften umzuwandeln. Das hat Freud als Therapeut natürlich immer wieder geschafft.“
(Wolfgang Schmidbauer, „Stern“ 15/2006, Hannover)

 

„Freud hat für die Widersprüche in der bürgerlichen Sexualmoral immer wieder wunderbare Metaphern gefunden: Die Bürger von Schilda geben ihrem Pferd täglich weniger Hafer, hoffen, dass es so eines Tages haferfrei arbeitet, und sind verblüfft, als es tot umfällt. Wenn man so mit den Trieben umgeht, muss man sich über Neurosen nicht wundern.“
(Wolfgang Schmidbauer, „Stern“ 15/2006, Hannover)                                

„Die analytische Methode, wie er sie praktiziert hat, war ja etwas sehr Engmaschiges, ein steiler Weg in die Tiefe. Freud hat als junger Mediziner viel am Mikroskop gearbeitet, deshalb war für ihn die Psychoanalyse schon so etwas wie psychisches Mikroskopieren.“
(Wolfgang Schmidbauer, „Stern“ 15/2006, Hannover)

„Freud ist eben mal Heros und mal überholt. Spricht natürlich für eine große Vitalität.“
(Wolfgang Schmidbauer, „Stern“ 15/2006, Hannover)

„Freud ist ja ein wunderbarer Schriftsteller. Er erzählt schöne Geschichten und gibt immer Denkanstöße.“
(Wolfgang Schmidbauer, „Stern“ 15/2006, Hannover)

Arthur Schnitzler

Portrait des österreichischen Erzählers und Dramatikers Arthur Schnitzler. Wien. Photographie. 1922
Arthur Schnitzler © IMAGNO/Archiv Setzer-Tschiedel

„Nicht die Psychoanalyse ist neu, sondern Freud. / Sowie nicht Amerika neu war, sondern Columbus. Psychoanalyse gab es immer; jeder Arzt, jeder Dichter, jeder Staatsmann, jeder Menschenkenner mußte es sein, war es unbewußt oder automatisch.“
(Arthur Schnitzler: Über Psychoanalyse. Hrsg v. Reinhard Urbach. In: Protokolle. Wiener Halbjahresschrift für Literatur, bildende Kunst und Musik, '76/2. Zitiert nach: Helga Schiffer: Experiment und Ethik in Arthur Schnitzlers Paracelsus. In: Gerhard Kluge (Hrsg.): Aufsätze zur Literatur und Kunst der Jahrhundertwende. Rodopi, Amsterdam 1984)

 

“I am the double of Professor Freud. “
(Arthur Schnitzler)
(Quelle: Internet: http://www.literaturkritik.de/lit-wiss/content_Psychoanalyse_Moderne_I.php)

Angelus Silesius

„Ich weiß, daß ohne mich Gott nicht ein Nu kann leben; Werd’ ich zunicht, er muß vor Not den Geist aufgeben.“
(Angelus Silesius „Aus dem Cherubinischen Wandersmann“)

Mark Solms

„Freud hat versucht, eine Sprache und eine Methode für die Wissenschaft vom Innenleben zu finden. Er hat eine Art Basis-Topografie der Seele und ihrer grundlegenden Bestandteile geschaffen. Und wir bringen nun diese Arbeit zu Ende.“
(Mark Solms, P.M., Nr. 05/2006)

George Steiner

George Steiner
George Steiner © unbekannt

„Würde dem Hebräischen die Auslöschung widerfahren, wie dies mit Tausenden anderen Sprachen geschehen ist, die nicht weniger erfindungsreich, nicht weniger beredt waren, würde Schweigen zwischen Gott und die Juden treten, dann würde das Judentum selbst aufhören.“
(George Steiner: Meine ungeschriebenen Bücher, S. 129, Carl Hanser Verlag 2007)

 

„‚Warum hat sich der Allmächtige die Mühe gemacht, die Menschen zu erschaffen?‘ fragt der Chassid und gibt die Antwort: ‚ Damit sie ihm Geschichte erzählen konnten.‘“
(George Steiner: Meine ungeschriebenen Bücher, S. 129, Carl Hanser Verlag 2007)

„Der Mann und die Frau, die Sex in seinen vielfältigsten und schamlosesten Formen gekannt haben, bewahren den Geschmack der Freiheit selbst bis zum Schluß.“
(George Steiner: Meine ungeschriebenen Bücher, S. 112, Carl Hanser Verlag 2007)

Italo Svevo

Italo Svevo
Italo Svevo © Public Domain

„Ich habe die Psychoanalyse satt. Nachdem ich mich nun schon volle sechs Monate hindurch analysiert habe, fühle ich mich schlechter als zuvor.“
(Italo Svevo, Zeno Cosini, 1923)

Kurt Tucholsky

Kurt Tucholsky mit seiner Frau Mary Gerold-Tucholsky. Photographie. Um 1930.
Kurt Tucholsky © IMAGNO/Ullstein

„Die Gesamtausgabe Freudscher Schriften ist da.“
(Kurt Tucholsky, Weltbühne, Mai 1931)

 

„Das Modische an diesen Schriften wird vergehen; die kindische Freude der Amerikaner und sonstiger puritanisch verbildeter Völker, nun einmal öffentlich über Sexualität sprechen zu können ... das hat mit Freud nicht viel zu tun. Bleiben wird der große Erneuerer alter, verschütteter Wahrheiten – dieser Wahrheit: der Wille des Menschen ist nicht frei.“
(Kurt Tucholsky „Elf Bände, die die Welt erschütterten“, Almanach der Psychoanalyse 1932, zuerst erschienen in „Die Weltbühne“, Mai 1931, Hamburg)

„Für halbgebildete Katholiken sei gesagt: es ist die Bibel der Gottlosen. Man versteht die Welt nicht, wenn man diese Bände nicht kennt. Sigmund Freud wird am sechsten Mai fünfundsiebzig Jahre alt. Wir grüßen ihn voller Liebe und Respekt.“
(Kurt Tucholsky „Elf Bände, die die Welt erschütterten“, Almanach der Psychoanalyse 1932, zuerst erschienen in „Die Weltbühne“, Mai 1931, Hamburg)

Harald Welzer

Harald Welzer
Harald Welzer © Langreder/S.Fischer

„Freuds Bedeutung liegt darin, dass er dem Unbewussten den Rang zugewiesen hat, der ihm zusteht. Mich hat an Freud aber auch die literarische Qualität bleibend fasziniert. Werke wie die Traumdeutung sind auch deshalb so einprägsam, weil sie auf ästhetische Weise Evidenz herstellen. Und ich schätze den komischen Freud. Die Psychopathologie des Alltagslebens ist ja total komisch. Aber natürlich finden sich in Freuds Werk viele hydraulische und mechanische Elemente wie Verdrängung, Trieb und so weiter, die aus dem Industriezeitalter stammen und allmählich aus der Mode kommen sollten.“
(Harald Welzer, „Die Zeit“, 16. März 2007)

 

„Er (Freud) hat richtig gesehen, dass bestimmte Grenzen prinzipiell nicht überschreitbar sind. Das Unbewusste beeinflusst uns zwar massiv, aber lässt sich nur in sehr engen Grenzen bewusst erfassen. Allerdings sieht Freud vorwiegend den belastenden Aspekt des Unbewussten. Ich meine, man kann es auch umdrehen und sagen: Das Unbewusste entlastet uns von vielem. Und diese Entlastung ermöglicht eigentlich erst Freiheit.“
(Harald Welzer, „Die Zeit“, Hamburg, 16. März 2007)

„...die Abkehr vom idealistischen Selbstbild der Moderne. Das Ich ist nicht nur nicht Herr im eigenen Haus, wie Freud gesagt hat, sondern es gibt dieses eigene Haus gar nicht.“
(Harald Welzer, „Die Zeit“, Hamburg, 16. März 2007)

Slavoj Žižek

Slavoj Žižek
Slavoj Žižek © zizek.weebly.com

„Er hat etwas so Bahnbrechendes entdeckt, dass ihm das selbst noch gar nicht klar war. Erst der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat gezeigt, dass Freuds Unterbewusstes eine symbolische Struktur hat.“
(Slavoj Žižek, GEO, Nr. 05/2006)

 

„Ich lebe für die Theorie. Die Psychoanalyse ist zwar durchaus klinisch relevant, aber im Grunde keine Therapie.“
(Slavoj Žižek, GEO, Nr. 05/2006)

„Wenn wir über Mythen in der Psychoanalyse sprechen, dann sprechen wir in Wirklichkeit über einen Mythos, den Ödipusmythos – alle anderen Freudschen Mythen (der Mythos des Urvaters, Freuds Version des Mosesmythos) sind, wenn auch notwendige, Variationen davon. Doch mit der Hamleterzählung wird die Sache kompliziert. Die landläufige, prälacanianische, >naive< psychoanalytische Lesart von Hamlet fokussiert natürlich auf sein inzestuöses Begehren der Mutter. Hamlets Schock Angesichts des Todes des Vaters wird daher mit der traumatischen Wirkung erklärt, die die Erfüllung eines unbewußten gewaltsamen Begehrens (in diesem Falle das Begehren, daß der Vater sterben möge) auf das Subjekt hat.“
(Slavoj Žižek, Die gnadenlose Liebe, Suhrkamp Verlag, 2001)

„Der Marxismus ist eine weitere Komödie, ein weiteres Narrativ der menschlichen Geschichte als eines Prozesses, der schließlich in der Erlösung mündet, während die Sichtweise der Psychoanalyse eine inhärent tragische ist, diejenige eines unauflöslichen Antagonismus, demzufolge jede menschliche Handlung >schiefgeht<, durch einen unbeabsichtigten >Kollateralschaden< zunichte gemacht wird. Politische Philosophen weisen heutzutage gerne darauf hin, daß die Psychoanalyse innerhalb des Bereichs der Massenpsychologie selbst außerstande sei, die Entstehung von Kollektiven zu erklären, die keine auf einem Urverbrechen oder Urschuld gründenden oder unter einem totalitären Führer vereingten >Massen<, sondern durch eine gemeinsame Solidarität vereint sind.“
(Slavoj Žižek, Die gnadenlose Liebe, Suhrkamp Verlag, 2001)

„Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Anti-Ödipus war der letzte große Versuch, die marxistische und die psychoanalytische Tradition in einer subversiven Synthese miteinander zu verbinden. Sie erkannten die revolutionäre, deterritorialisiernde Wirkung des Kapitalismus, der in seiner unerbittlichen Dynamik jegliche stabile traditionelle Form menschlicher Kommunikation unterminiert. Aber ihrer Meinung nach betreibt der Kapitalismus dieses Deterritorialisierung nicht radikal genug, so daß sie zu neuen Reterritorialisierungen führt – eine wörtliche Wiederholung der alten marxistischen Aussage, daß das eigentliche Hindernis für den Kapitalismus dieser selber sei, d.h., daß der Kapitalismus eine Dynamik entfesselt, deren er nicht mehr Herr werde.“
(Slavoj Žižek, Die gnadenlose Liebe, Suhrkamp Verlag, 2001)

„Sowohl Kant als auch Freud nehmen für sich in Anspruch, auf ihrem jeweiligen Gebiet die >kopernikanische Wende< zu wiederholen. Im Hinblick auf Freud scheint die Bedeutung dieses Hinweises klar und einfach zu sein: So wie Kopernikus gezeigt hat, daß unsere Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, sondern ein Planet, der sich um die Sonne dreht und in diesem Sinne >dezentriert> ist, also sich um einen anderen Mittelpunkt dreht, hat Freud demonstriert, daß das (bewußte) Ich nicht der Mittelpunkt der menschlichen Psyche ist, sondern letztlich ein Epiphänomen, ein Satellit, der sich um den wahren Mittelpunkt dreht, das Unbewußte oder das Es. Bei Kant liegen die Dinge, komplexer; auf den ersten Blick kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das genaue Gegenteil einer kopernikanischen Wende vollzog.“
(Slavoj Žižek, Die gnadenlose Liebe, Suhrkamp Verlag, 2001)

„In diesem Sinn ist das Wissen, dem sich durch die Psychoanalyse hindurch das Subjekt nähert, unmöglich-real: ein gefährliches Gebiet, wo wir – wenn wir ihm zu nahe kommen – auf einmal gewahr werden, daß wir unsere ontologische Konsistenz verlieren.
Deshalb haben wir es in der Psychoanalyse mit einem Wissen zu tun, dem eine tödliche Dimension anhaftet. Den Zugang zu diesem Wissen bezahlt das Subjekt mit seinem eigenen Sein: die Abschaffung des Verkennens bringt auch den Verlust jener >Substanz< mit sich, die sich hinter der Form des Verkennens verborgen gehalten hat. Diese >Substanz< (die einzige, die von der Psychoanalyse anerkannt wird) ist, wie Lacan in Encore hervorhebt, das Genießen. Der Zugang zum Wissen wird also mi einem Verlust des Genießens bezahlt – das Genießen ist in seiner Blödsinnigkeit nur aufgrund eines Nicht-Wissens möglich. Die oft paranoide Reaktion des Analysanden auf den Analytiker verwundert also nicht: der Analytiker will ihm nämlich – indem er ihn zum Wissen vom eigenen Begehren treibt – wirklich seinen kostbaren Schatz, den Kern seines Genießens rauben.“
(Slavoj Žižek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!, Merve Verlag, 1991)

Stefan Zweig

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig. Photographie. 1925
Stefan Zweig © IMAGNO/Archiv Setzer-Tschiedel

„Es gibt keinen einzigen namhaften Menschen in Europa auf allen Gebieten der Kunst, der Forschung und der Lebenskunde, dessen Anschauungen nicht direkt oder indirekt durch Freuds Gedankenkreise in Anziehung oder Gegenwehr schöpferisch beeinflußt worden wären: überall hat dieser Außenseiter die Mitte des Lebens – das Menschliche – erreicht.“
(Stefan Zweig, Die Heilung durch den Geist, 1931)

 

„Nur diese grandiose Kontinuität der schöpferischen Kraft verrät hinter der banalen Außenfläche seines Daseins die wahrhafte Dämonie. Erst aus der Sphäre des Geschaffenen enthüllt sich dieses anscheinend normalen Lebens Einmaligkeit und Unvergleichlichkeit.“
(Stefan Zweig „Bildnis Sigmund Freuds“, Almanach der Psychoanalyse 1931)